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Was ist Neurodegeneration mit Eisenspeicherung im Gehirn (NBIA)? 

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der NBIA Disorders Association:
Angelika Klucken für Hoffnungsbaum e.V., die deutsche NBIA-Patientenorganisation
- www.hoffnungsbaum.de

Kontakt unter: hoffnungsbaum@aol.com 

NBIA ist eine seltene, erblich bedingte neurologische Erkrankung, deren Hauptmerkmal eine schwere  Bewegungsstörung ist, die durch eine fortschreitende Degeneration des Nervensystems (Neurodegenerative Erkrankung) hervorgerufen wird. Bis zum heutigen Tag wurden vier verschiedene Gene entdeckt, die NBIA verursachen. Es gibt höchstwahrscheinlich weitere ursächliche Gene, die noch nicht identifiziert wurden. 

Das gemeinsame Merkmal bei allen NBIA-Betroffenen ist eine abnorme Eisenspeicherung im Gehirn mit einer fortschreitenden Bewegungsstörung. Betroffene können sich lange Zeit in einem stabilen Zustand (plateau) befinden und erleben dann Intervalle mit rapider Verschlechterung. Die Symptome können von Fall zu Fall beträchtlich variieren, zum Teil weil  bei verschiedenen Familien unterschiedliche genetische Ursachen zugrunde liegen. Zudem bestimmt die jeweilige Veränderung (Mutation) innerhalb eines Gens die Ausprägung der Symptomatik.  Die Faktoren, die den Schweregrad und den Verlauf beeinflussen, sind noch unbekannt. Das nachstehende Diagramm zeigt die verschiedenen Formen von NBIA und, falls bekannt, die Gene, die die Erkrankung verursachen. Obwohl NBIA generell in Formen mit frühem Beginn und Formen mit spätem Beginn unterteilt wird, gibt es Ausnahmen von dieser Regel, da einige Patienten weder in die eine noch in die andere Gruppe fallen. 

Der Oberbegriff „NBIA“ schließt Patienten mit ein, bei denen zuvor die Diagnose „Hallervorden-Spatz-Syndrom“ gestellt wurde. Die Bezeichnung „Neurodegeneration mit Eisenspeicherung im Gehirn“ reflektiert die fortschreitenden Erkenntnisse über die zugrunde liegenden Ursachen von NBIA. Der Begriff NBIA ist allgemein genug, um alle Erkrankungen abzudecken, die zuvor als „Hallervorden-Spatz-Syndrom“ zusammengefasst wurden sowie weitere Erkrankungen, bei denen man herausfand, dass sie in diese Gruppe passen. Zusätzlich führten Bedenken hinsichtlich der unethischen Aktivitäten von Dr. Hallervorden (und vielleicht auch Dr. Spatz),  darunter die Euthanasie bei geistig und körperlich behinderten Patienten während des Zweiten Weltkrieges, zu der Namensänderung. 

Personen mit NBIA haben große Mengen von Eisen in einem, Basalganglien genannten, Teil des Gehirns. Die Basalganglien sind Nervenzellansammlungen tief im Zentrum des Gehirns, die unter anderem die Steuerung von Bewegungen unterstützen. Der genaue Zusammenhang zwischen Eisenspeicherung und den Symptomen von NBIA ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Obwohl wir alle normalerweise Eisen in diesem Areal haben, befindet sich hier bei NBIA-Betroffenen zusätzliches Eisen, das mit Hilfe des Magnetresonanztomogramms (MRT) sichtbar gemacht werden  kann. Bestimmte MRT-Sequenzen (T2-gewichtete MRT-Bilder) zeigen das Eisen als dunkle Flecken im Gehirn. Der hohe Eisengehalt im Gehirn wird am häufigsten in dem Globus Pallidus genannten Teil der Basalganglien festgestellt. Ebenso oft findet man Eisenablagerungen in einem anderen, Substantia Nigra genannten Areal. 

NBIA-Betroffene haben auch ein gemeinsames Merkmal in den Nervenzellen, das nur durch Untersuchung von Nervengewebe – gewonnen aus einer Biopsie -  mit einem Elektronenmikroskop festgestellt werden kann. Nervenzellen haben lange Enden, die sogenannten Axone, die Signale von einer Nervenzelle zur nächsten weiterleiten. Bei NBIA, so hat man herausgefunden, sind einige Axone angeschwollen  durch Ansammlungen von zellulären Abbauprodukten, die dort nicht hingehören. Diese Schwellungen nennt man Sphäroide, Sphäroid-Körper oder axonale Sphäroide. Bei den meisten NBIA-Varianten befinden sich die Sphäroide nur in den Nerven von Gehirn und Rückenmark. Deshalb entdeckt man sie normalerweise erst bei einer Autopsie an einem Verstorbenen . Bei Infantiler Neuroaxonaler Dystrophie (INAD) jedoch sammeln sich die Sphäroide auch in den Nerven des gesamten Körpers an und eine Haut-, Muskel- oder Gewebebiopsie kann durchgeführt werden, um sie zu finden.

 

NBIA

 

 

Früher Ausbruch, schnelles Fortschreiten

Später Ausbruch, langsameres Fortschreiten

klassische PKAN (PANK2)

atypische PKAN (PANK2)

klassische INAD (PLA2G6)

Neuroferritinopathie (FTL)

atypische NAD (PLA2G6)

Acoeruloplasminemie (CP)

Idiopathische NBIA (unbekannt)

Idiopathische NBIA (unbekannt)

Krankheitsnamen sind in Schwarz, die verursachenden Gene in Rot

Idiopathische NBIA bezieht sich auf weitere Formen der Krankheit, deren Ursachen noch nicht bekannt sind.

Allgemei ne Symptome 

Es gibt verschiedene Fachbegriffe, die die neuromuskulären Symptome beschreiben, die mit allen Formen einer NBIA verbunden sind. Dystonie nennt man unwillkürliche anhaltende Muskelkrämpfe, die bestimmte Teile des Körpers in ungewöhnliche und manchmal schmerzhafte Bewegungen und Haltungen zwingen können. Als Choreoathetose bezeichnet man einen Zustand, der durch unwillkürliche, schnelle, ruckartige Bewegungen (Chorea),  in Verbindung mit relativ langsamen, gewundenen, schraubenden Bewegungen (Athetose) gekennzeichnet ist. Es kann außerdem durch einen dauerhaften Widerstand gegen die Entspannung der Muskeln zu Steifheit in Armen und Beinen (Spastik) und zu einer abnormen Verfestigung der Muskulatur (Muskelrigidität) kommen. Spastik und muskuläre Rigidität beginnen normalerweise in den Beinen und entwickeln sich später in den Armen. Wenn Betroffene älter werden, können sie schließlich die Kontrolle über ihre willkürlichen Bewegungen verlieren. Muskelkrämpfe in Kombination mit verminderter Knochenmasse können zu Knochenbrüchen führen (die nicht durch eine Verletzung oder einen Unfall verursacht sind).

Die Dystonie betrifft die Muskeln in Mund und Kehle, welches  zu einer verwaschenenen und undeutlichen Aussprache (Dysarthrie) und zu Schwierigkeiten beim Schlucken (Dysphagie) führt. Das Fortschreiten der Dystonie in diesen Muskeln kann zum Verlust der Sprachfähigkeit führen, ebenso zu unkontrollierbarem Zungenbeißen. 

Spezielle Formen der Dystonie, die im Zusammenhang mit NBIA auftreten können, sind Blepharospasmus und Torticollis. Beim Blepharospasmus funktionieren die Muskeln der Augenlider nicht richtig, was zu ausgeprägtem Zwinkern und unwillkürlichem Lidschluss führt. Beim Torticollis handelt es sich um unwillkürliches Zusammenziehen (Kontraktion) der Halsmuskulatur, was zu abnormen Bewegungen und Haltungen von Kopf und Hals führt.  

Bei den meisten Formen von NBIA sind auch die Augen erkrankt. Die häufigsten Probleme sind Netzhautdegeneration und Optikusatrophie. Die Netzhaut bzw. Retina ist eine dünne Membran, die die Rückseite des Augapfels auskleidet. Sie hilft dem Auge dabei, ein Bild wahrzunehmen und schickt es zum Gehirn. Bei NBIA können frühe Zeichen retinaler Degeneration Nachtblindheit oder ein Tunnelblick sein. Sie kann schließlich zu einer ausgeprägten Seh-Behinderung führen. Optikus-atrophie betrifft den Optikusnerv, der die Signale von der Retina zum Gehirn sendet. Der Optikusnerv ist wie ein Kabel mit tausenden winziger elektrischer Drähte, von denen jeder visuelle Informationen zum Gehirn transportiert. Wenn der Nerv beschädigt ist oder gar nicht mehr funktioniert, sieht man nur noch verschwommen, die Sicht zur Seite oder das Farbensehen können abnorm verändert sein, die Pupille arbeitet möglicherweise nicht mehr richtig, oder es kann zu Unterschieden in der Helligkeitswahrnehmung zwischen den beiden Augen kommen. Optikusatrophie kann schließlich zur Erblindung führen. 

Bei einigen Formen von NBIA können Entwicklungsverzögerungen auftreten, die überwiegend die motorischen Fähigkeiten betreffen (Bewegungen), obwohl es bei einer kleinen Untergruppe auch zu Verzögerungen der kognitiven Entwicklung kommen kann. Auch wenn eine kognitive Beeinträchtigung in der Vergangenheit oft als Teil der Erkrankung beschrieben wurde, bleibt unklar, ob dies wirklich ein Symptom der Mehrheit der NBIA-Betroffenen ist.

Die Bewegungsstörungen könnten die Durchführung von Intelligenztests erschweren und so die Ergebnisse verfälschen. Deshalb sind neuere Verfahren zur Untersuchung der Intelligenz nötig, um festzustellen ob intellektuelle Fähigkeiten betroffen sind. Bei einigen der späteren Ausbruchsformen von NBIA kann ein Verfall der kognitiven Fähigkeiten vorkommen.  

Epileptische Anfälle treten bei einigen Formen von NBIA auf und können eine Behandlung mit krampflösenden Medikamenten erfordern. 

GENETIK 

Ein Mensch trägt einen vollständigen Satz des genetischen Materials in den meisten Zellen seines Körpers. Die gesamte genetische Information ist in 46 Chromosomen enthalten. Diese bestehen aus 23 Paaren, wobei ein Chromosom jeden Paares von der Mutter und das andere vom Vater kommt. Chromosomen sind  wie „Miniatur-Aktenschränke“ für Tausende von Genen, welche die normale Gesundheit und Entwicklung steuern.

 

Weil alle unsere Gene paarweise vorhanden sind (eines von der Mutter und eines vom Vater ererbt), besitzen wir normalerweise von jedem Gen zwei funktionierende Kopien. Wenn eine Kopie eines rezessiven Gens eine Veränderung (Mutation) trägt, wird die betroffene Person normalerweise noch gesund sein. Diese Person wird „Träger“ genannt. Rezessive Krankheiten treten nur dann auf, wenn beide Eltern Träger von Mutationen auf demselben Gen sind und jeweils das veränderte (mutierte) Gen an ihr Kind weitergeben. Statistisch gesehen liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1:4, dass zwei Träger ein krankes Kind bekommen; bei 2:4, dass das Kind ebenfalls Träger wird, aber klinisch gesund ist und bei 1:4, dass sie ein Kind ohne diese Genmutation bekommen. 

Klassische und atypische PKAN, klassische und atypische NAD und Aceruloplasminämie sind rezessive Erkrankungen. Auch bei den meisten anderen Varianten der idiopathischen NBIA geht man davon aus, dass sie ebenfalls rezessiv sind. Neuroferritinopathie ist eine Erkrankung mit dominantem Erbgang. In diesem Fall hat eine betroffene Person mit Neuroferritinopathie eine funktionierende Kopie und eine Kopie des Gens, das eine Veränderung bzw. Mutation hat. Diese einzelne Mutation reicht aus, um die Krankheit zu verursachen. Die Chance, dass eine betroffene Person die Genveränderung an eines ihrer Kinder vererbt, liegt bei 1:2 (50%). Bei Neuroferritinopathie haben die meisten Betroffenen ein Elternteil, das auch betroffen ist.

FORMEN VON NBIA 

Die größte bisher bekannte Untergruppe,  der NBIA  ist PKAN (Pantothen-Kinase assoziierte Neurodegeneration). PKAN wird durch Veränderungen im PANK2-Gen verursacht, die einen Mangel des Enzyms Pantothenkinase bedingen. Wir nehmen an, dass PKAN für etwa die Hälfte aller NBIA-Fälle verantwortlich ist. Andere, seltenere Formen von NBIA umfassen INAD (Infantile neuroaxonale Dystrophie), atypische Neuroaxonale Dystrophie, Neuroferritinopathie und Aceruloplasminämie. Sie werden unter den Begriff NBIA gefasst, weil bei allen Neurodegeneration und abnorme Eisenspeicherung im Gehirn zu verzeichnen sind. Aceruloplasminämie und Neuroferritinopathie werden hauptsächlich von Wissenschaftlern außerhalb der USA untersucht. Das Labor von Dr. Hayflick an der OHSU konzentriert sich auf PKAN, INAD, atypische Neuroaxonale Dystrophie und idiopathische NBIA (damit ist gemeint, dass wir für diese verbleibenden Fälle noch nicht die Ursache kennen). 

Pantothen-Kinase assoziierte Neurodegerneration (PKAN)

PKAN wird im Allgemeinen in klassische und atypische Form unterteilt, obwohl einige Betroffene Befunde haben, die sie zwischen diesen beiden Formen ansiedeln. Bei Patienten mit der klassischen Erkrankung schreiten die Symptome schneller voran. In den meisten Fällen schreitet die atypische Erkrankung langsam über mehrere Jahre voran. Die Symptome und körperlichen Befunde variieren von Fall zu Fall. 

Klassische PKAN entwickelt sich in den ersten zehn Lebensjahren (Durchschnittsalter für die Entwicklung erster Symptome ist 3 ½ Jahre). Diese Kinder werden möglicherweise zunächst für ungeschickt gehalten und entwickeln später deutliche Probleme beim Laufen. Schließlich kommt es häufig zu Stürzen. Wegen der begrenzten Fähigkeit, sich während des Fallens zu schützen, verletzen sich die Kinder oft im Gesicht und am Kinn. Viele Betroffene mit der klassischen Form von PKAN benötigen bis zum Teenageralter (in manchen Fällen früher) einen Rollstuhl. Die meisten verlieren 10-15 Jahre nach dem Auftreten erster Symptome die Fähigkeit, sich unabhängig fortzubewegen / zu laufen. Zu dieser Zeit werden viele Betroffene auch Beeinträchtigungen beim Sprechen haben und so viele Probleme beim Kauen und Schlucken, dass eine Magensonde erforderlich werden kann. 

Bei annähernd zwei Dritteln der PKAN-Betroffenen entwickelt sich eine Netzhautdegeneration. Der Verlust des peripheren Sehvermögens trägt möglicherweise zu den Stürzen und Gangstörungen in den frühen Stadien von PKAN bei. Optikusatrophie (Sehnervschwund) findet man nur bei 3% der Patienten.

Die atypische Form von PKAN beginnt normalerweise nach dem 10. Lebensjahr und schreitet langsamer voran. Das Durchschnittsalter für das Auftreten erster Symptome ist 13 Jahre. Die Fähigkeit frei zu laufen geht 15-40 Jahre nach dem Beginn der Symptomatik verloren. Von Anfang an ist normalerweise die Sprache betroffen. Verbreitete Sprechprobleme sind die Wiederholung von Wörtern oder Satzteilen (Palilalie), überhastetes Sprechen (Tachylalie) und schlechte, verwaschene Aussprache (Dysarthrie). Psychiatrische Symptome werden häufiger beobachtet und umfassen impulsives Verhalten, Wutausbrüche, Depressionen oder eine Tendenz zu schnellen Stimmungsumschwüngen. Die Bewegungsstörung ist zwar ein sehr verbreitetes Merkmal, setzt aber in der Regel später ein. Im Allgemeinen verläuft die atypische Erkrankungsform weniger schwerwiegend und mit langsamerer Progression als die früh ausbrechende PKAN-Form. Netzhautdegeneration kommt auch bei diesen Betroffenen vor. 

Alle PKAN-Betroffenen haben hohe Eisenmengen im Gehirn, vor allem im Globus pallidus (wie oben beschrieben). PKAN hat zusätzlich einen besonderen Befund im MRT (Magnetresonanztomogramm). Wie oben beschrieben, sorgt die Eisenakkumulation normalerweise dafür, dass die entsprechenden Gehirnregionen bei bestimmten MRT-Einstellungen (T2-gewichtet) dunkel aussehen. Bei PKAN hat dieses dunkle Gebiet einen sehr hellen Fleck in der Mitte. Dieser Befund, „Tigerauge“ genannt, ist spezifisch für PKAN und tritt nur sehr selten bei anderen NBIA-Formen auf. 

PKAN wird durch Veränderungen (Mutationen) im PANK2-Gen verursacht. Dieses Gen steuert die Bildung eines Enzyms namens „Pantothenat-Kinase“. Besonderes Augenmerk der aktuellen Forschung liegt auf Untersuchungen, wie das Fehlen dieses Enzyms zu der Zerstörung der Nervenzellen im Gehirn und zu der charakteristischen Eisenspeicherung führt. 

Infantile Neuroaxonale Dystrophie (INAD)

Erst seit kurzem wird INAD zur Gruppe der NBIA-Erkrankungen gerechnet, obwohl schon einige Zeit bekannt war, dass INAD-Betroffene ebenfalls manche der charakteristischen NBIA-Merkmale aufweisen. 

Klassische INAD ist gekennzeichnet durch einen frühen Ausbruch und schnelle Progression. Bei Kindern mit klassischer INAD entwickeln sich normalerweise in den ersten zwei Lebensjahren Anzeichen und Symptome der Krankheit. Die ersten Signale sind oft Entwicklungsverzögerungen, etwa beim Laufen und Sprechen. Später verlieren die Kinder zuvor erworbene Fähigkeiten (Regression). Die Kinder können anfangs schlapp sein oder eine niedrige Muskelspannung haben (Hypotonie), die sich  später, wenn sie älter werden,  in Steifheit (Spastik), insbesondere an Armen und Beinen, wandelt. Eine Augenerkrankung, verursacht durch die Degeneration des Sehnervs (Optikusatrophie), ist verbreitet und kann zu Sehstörungen und schließlich Blindheit führen. 

Ungefähr die Hälfte aller Patienten mit klassischer INAD haben hohe Mengen an Eisen im Gehirn. Es ist unklar, ob die andere Hälfte der Betroffenen gar keine Eisenakkumulation zeigt, oder ob sich diese  vielleicht erst später entwickelt. 

Klassische INAD wird durch Veränderungen (Mutationen) im Gen PLA2G6 verursacht. Man vermutet, dass dieses Gen eine wichtige Rolle für die Gesunderhaltung der äußeren Schicht der Zellmembran spielt. Es ist am Fett-Stoffwechsel (Lipidmetabolismus) beteiligt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es unklar, wie Veränderungen in diesem Gen die Symptome von INAD oder abnorme Eisenspeicherung im Gehirn auslösen.

 Atypische Neuroaxonale Dystrophie (NAD) 

Atypische Neuroaxonale Dystrophie beginnt normalerweise in höherem Alter als INAD, jedoch auch im ersten Lebensjahrzehnt. Sie schreitet langsamer voran und zeigt andere Formen von Bewegungsstörungen als INAD. Am Anfang haben können die Kinder Verzögerungen in der sprachlichen Entwicklung haben oder Merkmale, die denen des Autismus ähneln. Möglicherweise kommt es zu motorischen Entwicklungsstörungen. Anders als die Patienten mit klassischer INAD haben diese „atypischen“ Betroffenen normalerweise eine  Dystonie. Bei ihnen ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie Verhaltensauffälligkeiten zeigen wie erhöhte Impulsivität,  Konzentrationsstörungen oder Depressionen, welche eine ärztliche Behandlung erfordern. 

Bei den wenigen Patienten mit atypischer NAD, die man bislang kennt, sind in allen Fällen erhöhte Eisenmengen im Gehirn entdeckt worden. NAD wird ebenfalls durch Mutationen im PLA2G6-Gen verursacht. 

Aceruloplasminämie 

Aceruloplasminämie wurde vorwiegend in Japan untersucht, wo es mit einer Häufigkeit von 1 Betroffenen je 2 Millionen Erwachsenen vorkommt. Es ist nicht bekannt, wie häufig es in anderen Bevölkerungsgruppen vorkommt. Die Hauptsymptome sind Netzhautdegeneration, Diabetes und neurologische Störungen, die mit der Eisenakkumulation in den Basalganglien im Zusammenhang stehen. Die dystonen Bewegungsstörungen treten in Gesicht, Hals und Augenlidern auf, mit Tremor und ruckartigen Bewegungen. MRT- Bildgebung  zeigt eine abnorme Eisenakkumulation in den Basalganglien.

Aceruloplasminämie ist eine Erkrankung des Eisenstoffwechsels, verursacht durch das völlige Fehlen der Aktivität von „Ceruloplasmin ferroxidase“ als Ergebnis von Mutationen im CP-Gen, das Ceruloplasmin codiert.

 Neuroferritinopathie 

Neuroferritinopathie beginnt typischerweise im Erwachsenenalter mit Dystonie, ruckartigen Bewegungen (Chorea) und leichten Beeinträchtigungen des Denkvermögens (kognitive Auswirkungen).  Innerhalb von 20 Jahren beginnt sie normalerweise die Bewegungen in allen Extremitäten zu beeinträchtigen und verursacht Schwierigkeiten beim Sprechen. Bis heute sind bisher nur ungefähr 50 Fälle bekannt geworden und die meisten von ihnen weisen dies gleiche Genmutation auf, was den Schluss nahelegt, dass sie alle von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. 

Das MRT des Gehirns zeigt im Frühstadium der Erkrankung abnorme Eisenspeicherung in den Basalganglien. Wenn die Erkrankung fortschreitet, können sich dort, wo sich zuvor das Eisen angesammelt hat, Zysten bilden. 

Neuroferritinopathie wird durch Mutationen im FTL-Gen verursacht, das für „Ferritin light“ steht. Das bezieht sich auf eine der beiden Protein-Unterformen, aus denen Ferritin gebildet wird, ein Protein, das dem Körper hilft, Eisen zu speichern und zu entgiften. Anders als die anderen NBIA-Formen, wird Neuroferritinopathie dominant vererbt, deshalb tritt es gewöhnlich in mehreren Generationen einer Familie auf. 

Idiopathische NBIA 

Von allen NBIA-Fällen werden ungefähr die Hälfte bis zu zwei Drittel einer der oben beschriebenen Varianten zugerechnet, von denen PKAN die am meisten verbreitete Form ist.  Von den verbleibenden Betroffenen sagt man, sie hätten eine „idiopathische NBIA“, was bedeutet, dass die zugrunde liegende Ursache noch nicht bekannt ist.  In vielen dieser Familien ist die Person mit der Diagnose NBIA das erste und einzige betroffene Familienmitglied; deshalb ist es schwierig herauszufinden, ob es hier ein spezifisches Vererbungsmuster gibt. Es wird vermutet, dass die meisten dieser Fälle wahrscheinlich rezessiv sind, weil a) es einige Familien mit mehr als einem betroffenen Kind gibt und b) idiopathische NBIA verbreiteter ist in Familien, in denen die Eltern blutsverwandt sind, etwa entfernte Cousins/Cousinen (das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein rezessives Gen gemeinsam haben). Die Symptome variieren in dieser Gruppe stärker, weil es hier wahrscheinlich mehrere unterschiedliche Gründe für die Neurodegeneration gibt. Wie bei den anderen NBIA-Varianten gibt es hier Formen mit frühem oder mit spätem Ausbruch. 

Es gibt auch eine kleine Gruppe betroffener Personen mit mäßiger bis schwerwiegender geistiger Behinderung. Erkrankte dieser Untergruppe haben Entwicklungsverzögerungen mit Beginn in der Kindheit, aber die Bewegungsstörungen machen sich erst im frühen Erwachsenenalter bemerkbar (in den Zwanzigern oder Dreißigern). Schließlich wird Dystonie ein chronisches Problem, ähnlich wie bei anderen Formen von NBIA. 

VORKOMMEN IN DER BEVÖLKERUNG 

NBIA betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Die Häufigkeit von NBIA in der allgemeinen Bevölkerung wird auf 1-3 Betroffene je 1 Million Einwohner geschätzt. Da seltene Erkrankungen wie NBIA oft nicht bekannt sind, kann es sein, dass diese Krankheiten nicht oder falsch diagnostiziert werden, was es schwierig macht, die Genauigkeit dieser Schätzungen zu bestimmen. 

THERAPIEN 

Die Behandlung setzt bei den spezifischen Symptomen jedes einzelnen Betroffenen an. Die Forschung konzentriert sich auf ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Ursachen von NBIA, was vielleicht am Ende eine umfassende Behandlung hervorbringen könnte. 

Die Behandlung erfordert die Zusammenarbeit eines Teams von Spezialisten. Ärzte, mit denen die Familien zusammenarbeiten, können folgenden Fachdisziplinen angehören: Kinderärzte oder Internisten, Neurologen, Augenärzte, Orthopäden und Humangenetiker.  Ein gemeinsamer Behandlungsansatz der begleitenden Therapien sollte Krankengymnastik (physikalische und physiologische Therapie), Ergotherapie und Logopädie umfassen. Zusätzlich können viele Familien von einer genetischen Beratung profitieren. 

Eine der beständigsten Behandlungsformen zur Linderung der Dystonie ist Baclofen. Dieses Medikament wird zunächst oral gegeben. Eine Baclofenpumpe wird verwendet, um regelmäßig bestimmte Mengen automatisch über das Rückenmark zu verabreichen. Die Pumpe kann eine Option für einige NBIA-Betroffene sein. Es kann ein Test durchgeführt werden um festzustellen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie positiv auf eine Pumpe reagieren würden. 

Artane ist ein zweites Medikament, das allein oder in Kombination mit Baclofen eingenommen werden kann. Die Kombination von Baclofen und Artane hat sich für viele PKAN-Betroffene als sinnvoll erwiesen. Levodopa/Carbidopa hat einigen Patienten mit idiopathischer NBIA geholfen, obwohl es sich nicht als hilfreich für PKAN-Patienten erwiesen hat. Patienten mit epileptischen Anfällen helfen in der Regel herkömmliche Epilepsiemedikamente. 

Außerdem sind generell Standardtherapien zur Schmerzbehandlung zu empfehlen,  wenn es keine  spezifische Behandlung für die zugrunde liegende Schmerzursache gibt. Viele NBIA-Betroffene haben oft Verstopfung, verursacht durch die eingeschränkte Aktivität, die Ernährung und/oder als Nebenwirkung der Medikamente. Rezeptfreie Ballaststoff-Präparate und stuhlerweichende Mittel können die Situation oft verbessern. 

Medikamente, welche die Eisenmenge im Körper reduzieren (Eisen-Chelation) wurden bei NBIA-Patienten als Behandlungsmöglichkeit ausprobiert. Bis jetzt haben sich diese Substanzen als ineffektiv erwiesen und sie können als Nebenwirkung eine Anämie verursachen. Jedoch haben neue Studien bei einer anderen Erkrankung, zu der auch Eisenspeicherung im Gehirn gehört, die Vermutung gefördert, dass neuere Formen der Chelations-Therapie vielleicht hilfreich sein können. Dies muss für NBIA weiter untersucht werden.  

Die Injektion von Botulinum Toxin (Botox) in dystone Muskeln kann für einige Monate Erleichterung verschaffen. Sie verursacht zeitweise eine Schwäche der Muskelpartien, deren unwillkürliche Kontraktionen bei den Betroffenen Schmerzen, Verdrehungen, eine unnatürliche Haltung oder Veränderungen der Stimme oder Sprache auslösen. Da in jeden betroffenen Muskel injiziert werden muss, ist Botox am besten einsetzbar, wenn jemand in einer bestimmten Körperregion deutlich von Dystonie betroffen ist, wie etwa an der Hand oder am Kiefer. 

Pallidotomie und Thalamotomie sind versuchsweise angewendet worden, um die Dystonie zu kontrollieren. Dies sind beides Operationsverfahren, die sehr spezielle Gehirnregionen zerstören (entfernen), den Pallidus bzw. den Thalamus. Einige Familien haben von sofortiger und vorübergehender Linderung berichtet. Allerdings erreichten die meisten Patienten innerhalb von einem Jahr nach der Operation wieder ihren  präoperativen Dystonie-Level.  In den letzten Jahren ist die Tiefenhirnstimulation, nachstehend beschrieben, eine Option für NBIA-Betroffene geworden, die wahrscheinlich die Pallidotomie/Thalamotomie-Verfahren ersetzen wird. 

Die Tiefenhirnstimulation (THS, Deep Brain Stimulation = DBS) ist eine andere Behandlung, die eingesetzt wird, um die Dystonie zu kontrollieren. Dabei werden im Gehirn Elektroden  implantiert und  mit einem programmierbaren Gerät (Neurostimulator) unter der Haut in Brust oder Bauch verbunden. Dieser Neurostimulator sendet Impulse zu den Zielgebieten im Gehirn und schaltet den Teil des Gehirns aus, der zu viele Signale sendet und damit die Muskeln zwingt, sich in schmerzhafter Weise zu bewegen. Die THS ist bei mehreren NBIA-Betroffenen mit guten Ergebnissen ausprobiert worden, obwohl  unklar ist, ob es einen Langzeitnutzen gibt. Zurzeit läuft eine Studie, um besser bestimmen zu können, wie die Tiefenhirnstimulation bei NBIA-Betroffenen eingesetzt werden sollte und welche Vorteile sie bringen könnte.  

Die Entdeckung des Zusammenhangs zwischen Pantothenatkinase und NBIA legt die Vermutung nahe, dass die Einnahme von Pantothenat (Vitamin B5) nützlich sein könnte. Das Ergänzungsmittel Pantothenat (Pantothensäure, Calziumpantothenat) kann oral eingenommen werden. Pantothenat ist ein anderer Name für Vitamin B5, ein wasserlösliches Vitamin. Theoretisch ist es denkbar, dass es Patienten mit sehr niedrigen Spiegeln von Pantothenat-Kinase-Aktivität hilft (denjenigen mit atypischer PKAN). Es gibt die Hypothese, dass klassische PKAN durch das völlige Fehlen des Enzyms Pantothenatkinase 2 bedingt ist, während atypische PKAN auf einem ausgeprägten Mangel beruht, obwohl die Betroffenen vielleicht noch einen Rest von Enzymaktivität haben.  Die Behandlung mit Pantothenat wird momentan im Tierversuch untersucht.  

Die Vorteile und Grenzen jeder der oben genannten Behandlungen sollte detailliert mit einem Arzt disk utiert werden. 

WAS WIR ZU ERWARTEN HABEN

NBIA ist eine fortschreitende Erkrankung. Statt eines beständigen Fortschreitens erleben die meisten Patienten Phasen einer raschen Verschlechterung, die einen oder zwei Monate dauern, abwechselnd mit relativ stabilen Phasen. Die Progression korreliert mit dem Ausbruchsalter, was bedeutet, dass Kinder mit frühzeitigen Symptomen zu einer schnelleren Verschlechterung tendieren. Bei denjenigen mit frühem Ausbruch beeinträchtigen Dystonie und Spastik schließlich die Fähigkeit zu laufen, was gewöhnlich dazu führt, dass sie bis zum mittleren Teenageralter einen Rollstuhl benötigen. Wenn die Krankheit fortschreitet, müssen im Allgemeinen die Medikamente und andere Behandlungen neu eingestellt werden, und es kann mehrere Versuche erfordern, bevor man die beste Kombination gefunden hat. 

NBIA-Betroffene haben eine verkürzte Lebenserwartung. Jedoch ist die Lebensspanne variabel. Mit verbesserter medizinischer Versorgung überlebt eine größere Anzahl der Patienten bis ins Erwachsenenalter. Ein vorzeitiger Tod steht im Allgemeinen mit der Dystonie und einer Beeinträchtigung des Schluckens in Verbindung, was zu Unterernährung oder zu einer Lungenentzündung durch Aspiration (Einatmen von z. B. Nahrungsbestandteilen) führen kann. Diejenigen mit atypischer Spätform von NBIA erhalten die Diagnose oft erst im Erwachsenenalter, da es ihnen bis dahin gut geht. 

AKTUELLE FORSCHUNG 

Die National Institutes of Health (NIH= amerikanische Gesundheitsbehörden) unterstützen die Erforschung neurodegenerativer Bewegungsstörungen, einschließlich NBIA. Die Ziele dieser Forschungsbemühungen sind es, das Wissen über die Erkrankungen zu vergrößern und Wege zu finden, um sie besser behandeln oder sogar heilen zu können. 

Die NBIA Disorders Association unterstützt auch die Erforschung von NBIA. Acht Forschungszuschüsse in einer Gesamthöhe von $240.000 sind zwischen 2002 und 2006 vergeben worden. Jeder Zuschuss in Höhe von $30.000 war eine Anschubfinanzierung mit dem Zweck, die Erlangung weiterer  Zuschüsse von den NIH oder vom privaten Sektor zu unterstützen.  Neue Forscher untersuchen jetzt NBIA, neben denjenigen an der Oregon Health & Science University und der University of California, San Francisco, die sich seit den frühen 90ern speziell NBIA gewidmet haben. 

Der Verein unterstützt die Forschung auch durch unser BioBank-Programm. Blut, Gewebe und Krankengeschichten von NBIA-Betroffenen werden gesammelt, um dabei zu helfen, die Erforschung der Erkrankung voranzubringen. 

Die Richtigkeit der Übersetzung wurde bestätigt von: 

Kevin Rostasy, M.D.
Department of Paediatrics, Division of Pediatric Neurology and Inborn Errors of Metabolism
Medical University Innsbruck
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